Expeditionsmobil made in Schwabenland

Hier mal ein paar kritische Anmerkungen zur Wintertauglichkeit unseres vom schwäbischen Hersteller als Expeditionsmobil angepriesenen Gefährts auf Basis eines G300 Fahrgestells. Auch wenn es nicht unbedingt den Wiederverkaufswert steigern wird, soll dieser Bericht nichts beschönigen oder auslassen und vielleicht dem einen oder anderen als Hilfestellung für künftige Projektierungen dienen. Obwohl nach bereits 50.000 km Erfahrung mit diesem Fahrzeug einige Schwachstellen bekannt waren, fehlt bislang der Härtetest unter Winterbedingungen. Dieser sollte nun von März bis April 2020 in Schweden und Norwegen stattfinden. Wegen der Anfang des Jahres aufkommenden Covid-19 Pandemie stand die Reise allerdings kurzzeitig vor einer Absage. Letztlich sind wir aber mit Änderungen bezüglich der Reiseziele und einer Fährumbuchung dennoch aufgebrochen und fanden bereits im weniger regulativen Schweden ausreichend Testszenarien, und dass obwohl die nächtlichen Temperaturen nie unter -14° C fielen.

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Diese Temperaturen reichen aber bereits zur Aufdeckung einiger Konstruktionsfehler, die einem erfahrenen Expeditionsmobilbauer eigentlich nicht unterlaufen sollten! So ist der Schlafplatz im Alkoven völlig unzureichend isoliert, so dass die Kälte der unbeheizten Fahrerkabine deutlich von unten zu spüren ist, und dass obwohl ich einen für die Arktis konzipierten Daunenschlafsack verwende. Die Fensterkassetten für Mückengitter und Rollo stellen wegen des verwendeten Alumaterials extreme Kältebrücken dar, von denen man in der Nacht irgendwie bemüht ist Abstand zu halten. Und obwohl die Matratze auf einer Froli Kunststoffunterlage ruht, die ein ausreichendes Luftpolster und damit eine Unterlüftung garantieren soll, kommt es unter der Matratze zu erheblicher Kondenswasserbildung. Zwar hat die Standheizung einen Auslass im Alkoven, nur ist dieser zum einen konstruktionsbedingt der weitest entfernteste von der Heizung, so dass dort am wenigsten von der warmen Luft ankommt, und zum anderen ist er falsch positioniert, nämlich nicht unter der Matratze sondern darüber und somit maximal für warme Füße geeignet. Nachteilig wirkt sich auch die genaue Einpassung der Matratze im Alkoven aus, die an allen vier Seiten bündig abschließt und somit selbst bei von unten zugeführter Warmluft keine Luftzirkulation zuließe.

Damit wäre ich schon bei einer weiteren vermeidbaren Schwachstelle, der Standheizung. Die Heizung selbst funktioniert zwar einwandfrei, allerdings benötigt der Lüfterbetrieb natürlich Strom und die Schaltung der Standheizung wurde unter Aspekten des Stromverbrauches leider suboptimal vorgenommen. Zwar schaltet die Heizung bei erreichen der eingestellten Thermostattemperatur ab, aber leider läuft der Lüfter gnadenlos weiter und bläst nun solange kalte Luft in den Innenraum bis die Heizung erneut anspringt. Ließe man nun so eine Art der Beheizung 12 oder mehr Stunden laufen, dann wäre die Batterie ohne einen vorhandenen Außenstromanschluss nahezu entleert. Außenstromanschlüsse für Expeditionsmobile sollten aber eigentlich nur eine selten genutze Rückfallebene darstellen und nur im Fall der Fälle zum Einsatz kommen! Wer stellt sich schließlich mit einem ExMo freiwillig auf einen Campingplatz ?

Eine weitere Schwachstelle ist die Eingangstür der Wohnkabine. Bislang lagen die Probleme mit dieser Tür im halbwegs handhabbaren Bereich. Heizte sich die Tür infolge von Sonneneinstrahlung auf, so war sie wegen der sich ausdehnenden Türdichtungen sehr schwer zu schließen. Auch gab es immer wieder Probleme mit dem Türgriff, der mittlerweile derart ausgeschlagen in seiner Verankerung herumwackelt, dass ich einen Austausch noch in diesem Jahr geplant habe. (Kommentar Hersteller: so was hatten wir ja noch nie ……. ). Hinzu kommt nun noch, dass die zusätzlichen Schließzapfen zum vollständigen verriegeln des Türblattes im oberen und unteren Bereich der Tür und infolge des Verziehens der gesamten Tür bei niedrigen Temperaturen zu einer erheblichen Schwergängigkeit beim Öffnen der Tür führen! Ursache dafür ist eine nicht vorhandene geeignete Führung für die Schließzapfen im Rahmenanschlag. Dort wurden einfach nur Löcher in das Aluprofil gefräst, welche nun zunehmend durch die Schließzapfen ausgehöhlt werden, weil sich die Tür im oberen und unteren Bereich nach außen verzieht. Als Folge davon schließen die Türdichtungen nicht mehr vollständig, was wiederum infolge der resultierenden Zwangsbelüftung zu erheblicher Kondenswasserbildung im Türrahmen führt, bis hin zur vollständigen Vereisung. Verstärkt wird dieses Problem durch die Tatsache, dass auf der die linke Seite der Wohnkabine zwar ausreichend Warmluftrohre verlegt wurden, auf der rechten Seite bis in den Fußraum des Einstieges aber kein einziges!  🙁

Last but not least eine eher weniger wichtige Anekdote, bei der mir schon vor Reiseantritt klar war, dass sie passieren würde. Unser Expeditionsmobil verfügt über einen beheizbaren 40 Liter Grauwassertank, montiert außen links im Bereich des Fahrersitzes. Soweit so gut. Allerdings ist die Abwasserleitung vom auf der rechten Seite des Fahrzeuges montierten Waschbeckens des Küchenblocks mit einer Gesamtlänge von etwa 4 Metern! völlig unbeheizt unter dem Fahrzeug verlegt, so dass ein Zufrieren dieser Leitung zu erwarten war. Immerhin bislang positiv: die unflexible Leitung aus Hartkunststoff ist nicht geplatzt. Sinnvoll wäre gewesen, direkt am Austritt der Leitung unter dem Waschbecken zum Unterboden ein Zwischenventil zu setzen, welches man unter Winterbedingungen hätte öffnen können, so dass das Grauwasser direkt auslaufen könnte ohne einen meterlangen, unbeheizbaren Weg bis zum Abwassertank zurücklegen zu müssen.

Die Liste der erforderlichen Optimierungen und Umbauten ist damit hoffentlich komplett und sollten uns keine weiteren Überraschungen ereilen ist sie auch durchaus umsetzbar. Ärgerlich bleiben einige Aspekte dennoch, zumal ich mich einst auf die Anpreisungen und Erfahrungen des Herstellers verlassen hatte. Siehe auch Artikel bei pistenkuh

Besonders positives gibt es aber auch zu berichten. Die Fahreigenschaften des stark beladenen G300 Fahrgestells mit erhöhtem Schwerpunkt unter Winterbedingungen auf aller Arten von Schnee, Eis und Matsch waren wesentlich besser als erwartet! Die sicherheitshalber georderten vier Bundeswehr Schneeketten blieben daher unbenutzter Ballast. Besonders erstaunlich war die Tatsache, dass uns der drei Liter Motor sogar auf eisglatten, schlittschuhtauglichen Fahrbahnen mit mäßiger Steigung ohne Murren den Berg hochzog. Bergab war natürlich erhöhte Vorsicht geboten, wenn 4 Tonnen schieben kann man sich nicht mehr auf niedrige Übersetzung, Differentialsperren oder ABS verlassen, und selbst die AT Reifen sind dann irgendwann nicht mehr weich genug und das Fahrzeug rutsch schon mal an einem geplanten Abbieger im Zeitlupentempo geradeaus vorbei 😉 Auf einsamen Pisten ohne Verkehrsaufkommen stellte das aber kein Problem dar, es gibt ja schließlich einen Rückwärtsgang der genutzt werden kann, bevor man das Fahrzeug mit Gewalt um die Kurve zwingt und es dann doch nur in die Schneemauer manövriert. Fazit Fahreigenschaften unter Winterbedingungen: 5 von 5 Punkten 😉

Den Reisebericht Sverige-2020 könnt Ihr hier nachlesen.

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